Alice Hasters zu Gast bei voiio: Ein Gespräch über Rassismus im Alltag

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Nina von voiio
Autorin

Bachelor in Kulturwirtschaft. Master in Politischer Geographie. Dazu hat Nina eine Leidenschaft für das Schreiben. Und das nutzt sie bei voiio. Denn Nina ist eine der Autor:innen für unseren Blog.

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In einer exklusiven und virtuellen Lesung zu ihrem Buch: “Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten” war die Journalistin Alice Hasters am 29. April 2022 zu Gast bei voiio. Im Gespräch mit der Moderatorin und voiio Head of Customer Success Maren Hildebrand, hat Alice Hasters den Rassismus-Begriff eingeordnet. Außerdem schilderte die Autorin eindrucksvoll ihre eigenen rassistischen Erfahrungen, die sie im Alltag macht. Nicht zuletzt indem sie einige Zeilen ihres Buchs direkt vorgelesen hat:

“Lange dachte ich, Menschen, die ungefragt in meine Haare fassen, mich automatisch auf Englisch ansprechen, die mich, noch bevor sie meinen Namen wissen, fragen, wo ich herkomme, oder meine Hautfarbe mit allem auf der Welt vergleichen, was braun oder schwarz ist - das sei einfach normal und so zu akzeptieren”.

Alice Hasters: 2019, S. 8.

Was wird eigentlich als normal angesehen? Welche Machtstrukturen stecken dahinter? Und nimmt unsere Gesellschaft Rassismus überhaupt als Problem wahr? Im Laufe der Lesung geht Alice Hasters auch auf diese Fragen ein. Und beantwortet viele weitere Fragen, die die Teilnehmer:innen stellen.

Das Cover von Alice Hasters Buch:

Das Cover von Alice Hasters Buch: „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“.

Vom Traum Schauspielerin zu werden

Schon als Kind wollte Alice Hasters gerne Journalistin oder Schauspielerin werden. Das erzählt sie gleich zu Beginn der Lesung. Doch je älter sie wurde, desto mehr seien ihre Wünsche zunächst in den Hintergrund gerückt. Denn irgendwann bekam die Autorin kleine, nicht wirklich wahrnehmbare Signale, dass es eventuell nicht so eine gute Idee für sie sei, Schriftstellerin oder Schauspielerin zu werden. 

Natürlich ist da der Punkt, dass es schwer ist, in diesen Berufen erfolgreich zu sein. Doch Alice Hasters geht noch weiter. Und erzählt von Momenten, als sie in einer Schauspielagentur immer wieder die Botschaft bekam, dass man sie für bestimmte Rollen nicht casten könne. Der Grund, der ihr genannt wurde: Alice würde nicht zu den Rollen passen. Da man dem deutschen Publikum immer erklären müsse, wo sie herkäme. 

Dazu erzählt Alice Hasters von Momenten, als ihr immer bewusster wurde, dass deutsche Schauspieler:innen oder Autor:innen kaum so aussähen wie sie. Im Umkehrschluss haben sich diese Signale auch auf ihre eigene Identitätsvorstellung ausgewirkt. Und so wurde ihr persönlicher Eindruck stärker, dass sie vielleicht wirklich nicht in diese Bereiche gehöre. Dass ihre Träume eher Hobbys, als tatsächliche Berufswünsche seien. 

Deshalb entschied sie sich zunächst Sport zu studieren. Denn athletische Fähigkeiten hätten Menschen ihr immer zugetraut. Allerdings berichtet Alice Hasters, dass sie sich nie wirklich für Sport interessiert hatte. Und erklärt im Umkehrschluss:

“Es hat sehr viel mit Klischees zu tun, was man denkt, was eine Schwarze Person machen kann und was sie nicht machen kann.”

Alice Hasters im Gespräch mit voiio.

Dabei betont die Autorin auch, dass die Reaktionen zu ihren Berufswünschen niemand wirklich böse gemeint hätte. Doch es sind genau diese kleinen Reaktionen. Die wir nicht per se als Rassismus wahrnehmen. Aber die eben doch rassistisch sind. Und einen maßgeblichen Einfluss auf die Identitätsvorstellungen von Betroffenen im Alltag haben.

Was Alice Hasters damit verdeutlicht: Alltagsrassismus schafft unsichtbare Hürden. Denn wir nehmen sie im Alltag oft nicht wahr. Und so liest die Autorin weiter aus ihrem Buch vor:

“Ich erzähle von Rassismus, der mir in meinem Leben begegnet ist. Der auf den ersten Blick vielleicht harmlos wirken mag und doch große Auswirkungen hat. Im Alltag, in der Schule, auf meinen Körper, in der Liebe und in der Familie. So ist das Buch deswegen auch aufgeteilt”.

Alice Hasters: 2019, S. 9.

Struktureller und institutioneller Rassismus

Rassismus bedeutet Diskriminierung plus Macht. So erklärt Alice Hasters, dass viele Menschen denken, rassistisches Verhalten könne nur auf individueller Ebene stattfinden. Und wer rassistisch handle, sei grundsätzlich am rechten Rand zu verordnen. Aber stimmt das? 

Die Autorin verdeutlicht: Nein. Denn Rassismus hat System. Er ist tief in unseren Strukturen und Institutionen verankert. Und so sind wir alle mit rassistischen Denkmustern aufgewachsen, die in unserer Gesellschaft nicht hinterfragt werden. Das fängt nicht erst bei mangelnder Repräsentation unter Schauspieler:innen oder Autor:innen an. Sondern beginnt bereits bei unseren grundlegenden Vorstellungen dessen, was als “normal” gilt. 

“Noch einmal: Rassismus steckt überall in unserer Gesellschaft. Es ist das Märchen über angeborene Eigenschaften, die Annahme, dass wir von Natur aus verschieden seien. Es braucht nur einen bestimmten Kontext, die passende Stimmung und Verkettung von Ereignissen - und schon trägt Rassismus nicht mehr nur am rechten Rand Früchte, sondern wuchert überall”.

Alice Hasters: 2019, S. 18.

Warum dieses System so machtvoll ist? Weil es historisch gewachsen ist. Und sich nach und nach in all unseren Strukturen, in allen Bereichen unseres Lebens etabliert hat. So liest Alice Hasters weiter vor, “dass sich weiße Menschen selbst zu einer ´vorherrschenden Rasse´ erklärten” (ebd. S. 44). Und diese Annahme im Zuge der Kolonialisierung global verbreitet haben. 

Eine Frage der Macht

Bestimmt haben Sie es bemerkt. Alice Hasters schreibt das Wort Schwarz groß. Weiß kursiv. Die Autorin möchte damit verdeutlichen, dass diese beiden Zuschreibungen keinen logischen Grenzen folgen, sondern ein Konzept sind. Wer als Schwarz oder weiß gesehen wird, ist auch immer kontextabhängig. Und das hat gleichzeitig machtvolle Auswirkungen.

Auf die Frage, ob auch weiße Menschen Rassismus erfahren könnten, antwortet die Autorin entschieden. Natürlich würden auch weiße Menschen diskriminierende Erfahrungen machen. Der Unterschied liegt allerdings darin, dass es für diskriminierende Handlungen gegenüber weißen Menschen keine Echokammer gibt. Auch hier geht es wieder um strukturelle Machtstrukturen. Und so liest die Autorin weiter aus ihrem Buch vor:

“Wenn also jemand glaubt, Schwarze seien von Natur aus Weißen überlegen, dann ist das zwar theoretisch ein rassistischer Gedanke - aber praktisch ein recht wirkungsloser. Dafür gibt es keine Echokammer, dieser Gedanke wird sich nicht in der Welt widerspiegeln. Anders ist es, wenn jemand glaubt, weiße Menschen seien Schwarzen überlegen. Diese Vorstellung füttert das ohnehin bestehende System”.

Alice Hasters: 2019, S. 15 - 16.

Mikroaggressionen

Diskriminierende Handlungen gegenüber weißen Menschen wirken also individuell. Sie haben keine kollektiven Konsequenzen. Menschen, die nicht als weiß gelesen werden, machen hier andere Erfahrungen. Sie erleben Diskriminierungen, die machtvoll in unsere Strukturen eingebettet sind. Sie erleben Rassismus. Nicht nur am rechten Rand. Sondern im Alltag. Mit verheerenden Folgen für Betroffene.

“Ein blöder Witz, ein heimlicher Gedanke, ein unüberlegtes Vorurteil - es stammt alles aus der gleichen Geschichte, aus der gleichen historischen Wurzel, und gerade treibt und keimt sie ordentlich”.

Alice Hasters: 2019, S. 18 - 19.

Alice Hasters nennt diese Handlungen Mikroaggressionen, oder auch Mikro-Unterdrückungen. Denn sie tragen maßgeblich dazu bei, rassistische Denkmuster und Strukturen weiter zu untermauern.

So erzählt Alice Hasters von Momenten, in denen Menschen ihre Taschen etwas fester halten, wenn sie in den Zug steigt. Oder aber wenn Menschen ihr ihre Erfahrungen absprechen möchten. Und liest weiter vor:

“Viele Menschen glauben mir nicht, wenn ich sage, dass alte Frauen Angst vor mir haben und mich für eine Diebin halten. Auch Ignoranz ist eine Form der Mikroaggression”.

Alice Hasters: 2019, S. 17.

Die Norm hinterfragen

Selbst Liebe, Zuneigung und zwischenmenschliche Beziehungen löschen Rassismus nicht aus. Denn die Entstehung des rassistischen Systems hatte vor allem einen Zweck: Eine Weltordnung zu schaffen, in der weiße Menschen die Vorherrschaft besitzen. Auch bekannt als White Supremacy. Weiß-Sein geht in diesem System also mit bestimmten Privilegien einher. 

Und wir alle sind mit diesen Strukturen und Denkmustern aufgewachsen. Von mangelnder Repräsentation in Schulbüchern oder Kinderfilmen bis hin zur Vermittlung von Vorurteilen, die nicht hinterfragt, sondern als vermeintlich natürlich angesehen werden. 

Es tut weh, sich mit den eigenen Vorurteilen zu befassen. Unsere Denkstrukturen aufzubrechen und sie zu reflektieren. Doch das ist unbedingt notwendig, wenn wir uns für eine solidarische Gemeinschaft und das Wohlergehen unserer Mitmenschen einsetzen möchten. Alice Hasters verdeutlicht: Das gilt besonders für alle weißen Menschen. Und liest weiter aus ihrem Buch vor: 

“Selten fühlen sich weiße Menschen so angegriffen, allein und missverstanden wie dann, wenn man sie oder ihre Handlungen rassistisch nennt. Das Wort “Rassismus” wirkt wie eine Gießkanne voller Scham, ausgekippt über die Benannten”.

Alice Hasters: 2019, S. 14.

Niemand möchte als rassistisch bezeichnet werden. Und doch sind wir alle mit rassistischen Denkstrukturen aufgewachsen. Und somit Teil des rassistischen Systems. Wenn Weiße es nicht als Angriff, sondern als Chance sehen, ihr Verhalten zu reflektieren, können sie einen großen Teil dazu beitragen, das Wohlbefinden ihrer Mitmenschen zu sichern. 

Die Diskussion unter den Teilnehmer:innen im voiio-Chat ist jetzt auch im vollen Gange. So fragt eine weiße Mutter, wie sie ihren Schwarzen Sohn vor rassistischem Verhalten in der Schule schützen kann. Alice Hasters antwortet entschieden. 

Es sei wichtig zu intervenieren, Grenzen zu setzen und das Verhalten der anderen Person beim Namen zu nennen. Denn so würde ihr Sohn lernen, wie er in solchen Situationen reagieren kann. 

Eine andere weiße Mutter meldet sich zu Wort und erzählt von ähnlichen Fragen, die sie sich stellt. Wie sie ihren Schwarzen Sohn unterstützen könne. Die beiden Mütter möchten sich auch noch nach der Lesung weiter austauschen. voiio hat im Anschluss an das Event den Kontakt vermittelt.

Antirassismus

Rassismus zu bekämpfen heißt Verantwortung zu übernehmen. Und das kann jede:r von uns tun. In einer Welt, in der nicht-weiße Menschen jeden Tag Formen der Unterdrückung zu spüren bekommen, liegt es in der Verantwortung jeder einzelnen Person, sich aktiv gegen Rassismus einzusetzen. 

Antirassistisch zu handeln bedeutet deshalb vor allem eins: Dinge auszusprechen und rassistisches Verhalten beim Namen zu nennen. Auch wenn es unangenehm ist. Denn nur wenn Missstände aufgedeckt werden, wenn die eigenen Handlungen und Denkmuster reflektiert werden, kann ein großflächiges Umdenken in unserer Gesellschaft stattfinden. Um so das historisch gewachsene System Rassismus immer mehr zu durchbrechen. 

Das bedeutet auch, sich stets weiterzubilden. Das Buch von Alice Hasters richtet sich deshalb an alle Menschen, die mehr über sich selbst und ihre Mitmenschen lernen wollen. Es soll Mut schenken, in den Austausch zu gehen. Denn gerade in Zeiten wie diesen, ist es wichtiger denn je, uns aktiv für eine solidarische Gemeinschaft einzusetzen. 

Während der Lesung macht Alice Hasters allerdings auch darauf aufmerksam, dass ihr Buch nicht alle Formen von Rassismus abdeckt. Denn sie schreibt aus ihrer individuellen Perspektive. 

“Ich bin eine Schwarze Frau, mit einem weißen Elternteil, ich bin heterosexuell und habe die deutsche Staatsbürgerschaft. Genau genommen müsste das Buch also heißen: ´Was weiße Menschen nicht über bestimmte Aspekte von Anti-Schwarzem-Rassismus hören wollen, aber wissen sollten´. Das Buch hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wie gesagt, wir sind beim Thema Rassismus noch längst nicht am Ende. Es braucht noch viel mehr Stimmen, die gehört werden müssen”.

Alice Hasters: 2019, S. 9.

Mehr dazu lesen Sie in ihrem Buch. 

Auch voiio ist sich der Dringlichkeit dieses Themas bewusst. Deshalb haben wir ein entsprechendes Modul entwickelt: voiio Diversity. Mit Angeboten, wie Expert:innenberatung bei Diskriminierungen bis hin zu Unconscious Bias Trainings.  Sie möchten Ihr Diversity Management ausbauen und entsprechende Angebote für Ihre Mitarbeiter:innen stellen? Dann vereinbaren Sie jetzt ein Gespräch mit uns und lassen Sie sich unverbindlich beraten.

Ihre Nina von voiio

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