HR-Wissen

Presserückblick November 2019 zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie

1. Dezember 2019

Ein Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung für Kinder im Grundschulalter.

Viele berufstätige Eltern wünschen sich so etwas nicht nur, sondern haben einen dringenden Bedarf nach einer solchen Lösung. Aus diesem Grund hat die Großen Koalition in ihrem Koalitionsvertrag festgelegt, diesen Rechtsanspruch bis 2025 umzusetzen. Und da die Zeit der Zielumsetzungen nun anscheinend angebrochen ist, wurde nun am 13. November durch das Kabinett beschlossen, 2 Milliarden Euro in diese Maßnahme zu stecken.

Weil der Rechtsanspruch zu einer sehr großen Erleichterung von berufstätigen Eltern führen könnte, war dieser Beschluss das vorherrschende Thema in der Presse zum Bereich Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Auch wenn die Idee vielerorts als grundsätzlich gut beschrieben wird, so wird doch aus allen Berichten, Artikeln und Kommentaren deutlich, die geplanten 2 Milliarden Euro seinen für eine erfolgreiche Umsetzung viel zu wenig.

Deutlicher Anstieg der notwendigen Betreuungsplätze

Nachdem das Statistische Bundesamt neue Bevölkerungsvorausberechnungen herausgegeben hat, hat auch das Deutsche Jugendinstitut seine Berechnungen der Gesamtkosten für einen bedarfsdeckenden bundesweiten Ausbau der Ganztagsbetreuung im Grundschulalter ebenfalls noch einmal aktualisiert. Aus diesen ist ein Anstieg der notwendigen Betreuungsplätze hervor gegangen. Insgesamt müssen 820.000 Plätze geschaffen werden. Die Kosten würden die geplanten Ausgaben von 2 Milliarden Euro deutlich überschreiten: 5,3 Milliarden Euro Investitionskosten und 3,2 Milliarden Euro Betriebskosten wären nötig.

Der Bedarf nach Ganztagsbetreuungen im Grundschulalter ist deutlich angestiegen. Mit dem Bedarf steigen jedoch auch die Kosten für eine mögliche Umsetzung.
Darstellung des Deutsches Jugendinstituts zu Wachstumsszenario für ganztägigen Betreuungsbedarf 2025 und zugehörigen Kosten

Diese Tatsache, dass das geplante Budget schlichtweg zu klein ist, diskutiert auch die Süddeutsche Zeitung in dem Artikel „Eltern reiben sich zwischen Beruf und Familie auf“ auf. Außerdem wird ein zweiter sehr wichtiger Punkt angesprochen, nämlich der Personalmangel. Unabhängig davon, wieviel Geld in die Maßnahme gesteckt werden würde, lässt sich das flächendeckende Angebot einer Ganztagsbetreuung für Grundschüler ohne Fachkräfte nicht umsetzen. Insbesondere dann, wenn die Ansprüche der Eltern an die Betreuungen beachtet werden sollen: die Hausaufgaben der Kinder müssen gemacht, musische Angebote und differenzierter Sport für die Kleinen sollten im besten Fall auch angeboten werden.

Ganztagsbetreuungen im Grundschulalter müssten viele Ansprüche erfüllen. Musische und sportliche Angebote entsprächen den Vorstellungen der Eltern.
Wenn Ganztagsbetreuungen angeboten werden sollen, dann müssen hier beispielsweise auch die Hausaufgaben der Kinder erledigt werden.

Problem der Betreuung in den Schulferien tritt in den Hintergrund

Ob wir nun also damit rechnen können, dass ab 2025 tatsächlich gewährleistet ist, dass es in ganz Deutschland für alle Grundschüler Ganztagsbetreuungen geben wird, ist momentan noch sehr fraglich. Insbesondere zu dem untergeordneten Plan einen Großteil der Schulferien abzudecken, wurde noch kein einziger Ansatz genannt. Das Problem der Ferienbetreuungen tritt ohnehin sehr in den Hintergrund des gesamten Vorhabens. Es bleibt hier dementsprechend festzuhalten, dass trotz des neuen Beschlusses die Unternehmen auch in Zukunft gezwungen sein werden, weiter auf ihre Mitarbeiter zu zukommen, um sie bestmöglich hinsichtlich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterstützen zu können.

Frauen wünschen sich mehr Zeit für Familie

Letzteres gilt insbesondere in Bezug auf die Mitarbeiterinnen der Unternehmen. Das präsentiert der Artikel vom Tagesspiegel
„Lebensentwürfe weichen stark von der Realität“ ab . Basierend auf den Zahlen einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung – Für ein besseres Morgen geben 79 % Prozent der befragten Frauen an, dass „Viel Zeit für Familie/Freundschaften“ sehr wichtig für sie ist. Diese Kategorie wird dicht gefolgt von dem „Ausgleich von Beruf und Familie“ mit 77%. Dass diese beiden Dinge einen sehr hohen Stellenwert besitzen, ist vermutlich keine große Neuigkeit. Doch der Vergleich der Werten, die den Wunsch nach beiden Dingen beschreiben, zu denen, die beschreiben, ob die Frauen tatsächlich beides in ihrem Leben besitzen, überrascht dann doch. Denn von denselben befragten Frauen gibt nicht einmal die Hälfte an, tatsächlich genug Zeit für ihre Familie zu haben und nur 45 % empfinden ihren Job und die Familienzeit als ausgeglichen.

Mitarbeiterinnen wünschen sich eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ihre Wunschvorstellungen unterscheiden sich sehr stark von den jeweiligen Ist-Zuständen.
Viele Mitarbeiterinnen wünschen sich einen besseren Ausgleich von Beruf und Familie.

Als Gründe für diese unterschiedlichen Werte werden unter anderem lange Arbeitszeiten und Schichtarbeit angeführt. Auch die traditionelle Rollenverteilung hat einen Einfluss auf diese Werte. So sähen sich viele der befragten Mütter vor dem Dilemma, entweder Vollzeit zu arbeiten und dadurch mehr finanzielle Sicherheit zu haben – oder in Teilzeit zu gehen und mehr Zeit für die Familie zu haben.

Letztendlich kann festgehalten werden, dass…

… der November 2019 im Jahr 2025 noch ein paar mal erwähnt werden wird. Dann wird man rückblickend sagen können, ob das Ziel einer Ganztagsbetreuung für Grundschüler tatsächlich erreicht wurde oder eben nicht. Außerdem werden dann hoffentlich positivere Zahlen bezüglich der Zufriedenheit von Frauen mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie erhoben werden.

Die einzelnen Artikel und Studien sind unter folgenden Links zu finden:

„Eltern reiben sich zwichen Beruf und Familie auf“, Erschienen am 20. November 2019, Süddeutsche Zeitung:
https://www.sueddeutsche.de/politik/ganztagsbetreuung-grundschule-rechtsanspruch-1.4687840

„Kosten für zusätzliche Ganztagsangebote von Grundschulkindern steigen“, Veröffentlicht am 11. Oktober 2019, Deutsches Jugendinstitut:
https://www.dji.de/veroeffentlichungen/pressemitteilungen/ detailansicht/article/kosten-fuer-zusaetzliche-ganztagsangebote-von-grundschulkindern-steigen.html

„Lebensentwürfe weichen stark von der Realität ab“, Erschienen am 26. November 2019, Der Tagesspiegel:
https://www.tagesspiegel.de/politik/studie-ueber-frauen-mit-prekaeren-einkommen-lebensentwuerfe-weichen-stark-von-der-realitaet-ab/25266842.html

„Studie: Gute Politik für Frauen mit geringem Einkommen“, 2019, Friedrich-Ebert-Stiftung:
https://www.fes.de/gute-politik-fuer-frauen-mit-geringem-einkommen

 

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