HR-Wissen

Jahresrückblick 2019 zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie

8. Januar 2020

Ein neues Jahrzehnt hat begonnen und somit startet auch die Zeit, in der die guten Vorsätze in die Tat umgesetzt werden sollen. Und so wollen auch wir dieses Jahr wieder ganz genau hinschauen, was sich bezüglich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie tut. Vorher möchten wir in diesem Artikel aber noch einmal zusammenfassen, was sich schon im letzten Jahr innerhalb dieses Bereiches sowohl politisch als auch in den Unternehmen selbst so alles verändert hat.

Was war politisch los?

Das Jahr 2019 startete mit einem neuen Beschluss der EU, der für Besserungen im Bereich der Familienpolitik von den Mitgliedstaaten sorgen sollte. Nach langen Verhandlungen, wie die Verbesserungen aussehen sollen, wurde die EU-Mutterschutzrichtlinie sowie die Rahmenvereinbarung der Sozialpartner über Elternurlaub durch den neuen Beschluss ersetzt. Die neuen Vereinbarungen zum Mutterschutz und Elternurlaub waren in Deutschland zu dem Zeitpunkt jedoch längst Standard und so wurde der Beschluss innerstaatlich eher als Motivation angesehen, sich in der Vorbildrolle weiter zu entwickeln.

So war es vor allem die SPD, die sich zu Beginn des Jahres mit einer Forderung nach einem Rechtsanspruch auf Homeoffice im Bereich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie hervorgetan hat. Der Wunsch, das mobile Arbeiten gesetzlich zu verankern, wurde hauptsächlich dadurch begründet, dass es durch die hohe technische Entwicklung ganz neue Arbeitsmöglichkeiten gäbe. Die physische Präsenz sei keine Voraussetzung mehr für eine gute Zusammenarbeit.

Ein moderner Vorschlag, mit bei dem die SPD wohl viel Zustimmung hätte erhalten können, allerdings kam diese Forderung noch unter der alten Parteispitze. Wie jedoch allseits bekannt ist, standen bei der SPD im Jahr 2019 andere Themen im Vordergrund und so war die Partei vor allem auf die interne Umstellung konzentriert.

Wiedereinführung der Stechuhr?

Aber selbst wenn der Vorschlag es über die Grenzen der SPD hinaus geschafft hätte, wäre er vermutlich spätestens im Mai 2019 an einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs gescheitert. Dieses Urteil fordert die Erfassung der Arbeitszeiten der Beschäftigten in europäischen Firmen und soll damit dazu beitragen, die Arbeitskräfte zu entlasten. Das Urteil führte zu gemischten Reaktionen. Vor allem der Deutsche Gewerkschaftsbund empfand die Anzahl der unbezahlten Überstunden innerhalb Deutschlands so hoch, und sah die geregelte Arbeitszeiterfassung als Möglichkeit, dem „Lohn- und Zeitdiebstahl“ ein Ende zu bereiten.  Dem widersprachen vor allem die Arbeitgeber und Vertreter junger Unternehmen und Start-Ups. Durch das Urteil ginge Flexibilität verloren, die auch für Maßnahmen wie Homeoffice oder dem Gleitzeitmodell zwingend notwendig wären.

Deutschlands Familienfreundlichkeit Sechstbeste in der EU

Im Juni 2019 kam es dann zu einem kleinen Erfolg für die deutsche Familienpolitik. Eine Studie des UN-Kinderhilfswerks UNICEF verglich die Familienfreundlichkeit der verschiedenen europäischen Mitgliedsstaaten untereinander. Deutschland belegte den sechsten Platz. Die Studie orientierte sich bei der Einteilung der Platzierungen vordergründig an verfügbaren Betreuungsplätzen für Kinder, Elternzeiten und anderen Sozialleistungen, die den Familien in den jeweiligen Ländern zur Verfügung stehen. Familienministerin Giffey sah diese Platzierung sehr positiv und zugleich als Anlass dafür, weitere Maßnahmen voran zu treiben, damit Deutschland noch familienfreundlicher werde und damit einhergehend die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für alle deutschen Staatsbürger möglich würde.

Ein Index zu Überprüfung der Familienfreundlichkeit im Unternehmen

So wurde im Zuge dieser neu geschöpften Motivation schließlich im September der sogenannte „Fortschrittsindex Vereinbarkeit“ veröffentlicht. Er entstand einer Kooperation zwischen dem Deutschen Familienministerium, dem Bundesverband der Personalmanager (BPM) und der Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), die zuvor insgesamt zwei Jahre Vorbereitungszeit in die neue Maßnahme investiert hatten.

Um ebendiese an dieser Stelle einmal kurz zu erklären, bei dem „Fortschrittsindex Vereinbarkeit“ handelt es sich um ein Online-Tool, welches Unternehmen dabei unterstützen soll, die interne Vereinbarkeit von Beruf und Familie prüfen können. Dafür muss es sich über eine eigens angelegte Seite mit den Unternehmensdaten registrieren und es werden Daten erfragt, wie die Anzahl der Beschäftigten mit flexiblen Arbeitszeitmodellen, die Dauer der Elternzeit von Müttern und Vätern oder der Anteil weiblicher Führungskräfte.

Fortschrittsindex muss sich erstmal durchsetzen

Die Unternehmen verpflichten sich einerseits die Vereinbarkeit von Beruf und Familie stetig zu verbessern und können sich andererseits auf Basis der durch das Ministerium gesammelten Daten mit den restlichen deutschen Unternehmen vergleichen. Alle teilnehmenden Unternehmen erhalten im Gegenzug ein Teilnahmezertifikat, welches sie veröffentlichen können, um ihre Arbeitgeberattraktivität zu erhöhen.

Ob das Onlinetool des Familienministeriums als Erfolg gezählt werden kann, lässt sich nach der relativ kurzen Laufzeit noch nicht sagen. Sicher ist, dass es noch weitaus mehr beworben werden muss, damit mehr Unternehmen auf die Möglichkeit aufmerksam werden. Kritiker bemängeln, dass es nicht sinnvoll sei, die Unternehmensdaten anonym zu handeln und somit nicht sichtbar für die Öffentlichkeit wird, wer sich in den Rankings weit oben befindet und wer noch deutlich Nachholbedarf besitzt.

Der Fortschrittsindex ist ein Online-Tool des Bundesfamilienministeriums. Es soll dabei helfen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in den Unternehmen zu verbessern.
Der Fortschrittsindex Vereinbarkeit soll Unternehmen bei der Einschätzung ihrer Familienfreundlichkeit unterstützen.

Eine flächendeckende Ganztagsbetreuung für Grundschüler

Auf den Fortschrittsindex folgte wenig später der Beschluss zu einem Rechtsanspruch auf die Ganztagsbetreuung von Grundschülern. Die große Koalition verkaufte diesen Beschluss als einen riesigen Gewinn für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Denn wie durch vorhergehende Studien des Bundesfamilienministeriums festgestellt werden konnte, stellen die fehlenden Betreuungsmöglichkeiten für Grundschüler eines der größten Probleme für berufstätige Eltern dar.

Ein nützlicher Beschluss der Regierung also, wenn da nicht das Problem der Finanzierung und des Fachkräftemangels wäre. Schon im Vorhinein war durch das Deutsche Jugendinstitut ein Plan für die finanziellen Mittel aufgestellt worden, die nötig sein würden, um das Projekt bis 2025 erfolgreich umsetzen zu können. Der von der Bundesregierung zur Verfügung gestellte Betrag stellt jedoch lediglich einen Bruchteil des eigentlich notwendigen Budgets dar. Und wie sooft, fehlt neben den finanziellen Mitteln ausreichend Personal.

Der Rechtsanspruch auf die Betreuung von Grundschülern soll für mehr Vereinbarkeit von Beruf und Familie sorgen. Die finanziellen und personellen Mittel sind jedoch nicht ausreichend.
Der Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung für Grundschüler könnte Deutschland ein ganzes Stück familienfreundlicher machen.

Unternehmen nehmen sich familienfreundlicher war, als sie sind

Soweit zu der politischen Entwicklung im Bereich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Letztendlich zählt aber vor allem die Umsetzung der richtigen Maßnahmen in den Unternehmen selbst. Sicher ist die Setzung des richtigen Rahmens durch die Regierung dabei von großer Wichtigkeit, aber die Schaffung von neuen Rechtsansprüchen ist wertlos, wenn die Mitarbeitenden in den Unternehmen die Sorge haben, das sich die Beanspruchung dieser Ansprüche negativ auf ihre Karriere auswirkt. Und diese Angst besitzen die Mitarbeitenden tatsächlich. Eine Studie des BMFSFJ zeigt, dass von zehn Mitarbeitern nur vier, die Angebote für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch tatsächlich nutzt.

Ein positiver Befund innerhalb dieser Studie war dagegen, dass sich trotzdem immer mehr Personalabteilungen dem Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie widmen. Das ist inzwischen aber auch zwingend notwendig, denn das Thema besitzt bei den Mitarbeitenden mittlerweile einen mindestens genauso hohen Stellenwert wie das Gehalt.

Die überforderte Generation

Letzteres liegt vor allem daran, dass genau dieser Themenbereich immer mehr berufstätigen Eltern zu schaffen macht. Familienforscher Prof. Hans Bertram spricht in einem Interview des Magazins GEO von der „überforderten Generation“. Die gesellschaftliche Forderung Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen, sei ein großer Stressfaktor für die meisten Eltern und führe zu einem permanenten Gefühl der Zeitnot und Überforderung.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fällt vielen Eltern schwer. Aus diesem Grund leiden sie unter einem permanenten Gefühl der Zeitnot und Überforderung.
Die schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie stellt für viele Eltern einen großen Stressfaktor dar.

Das Jahr 2019 zusammengefasst

Eindeutig ist, dass aufgrund von gesellschaftlichen Entwicklungen, wie der Wunsch nach Karriere und Familie aber auch die Gleichstellung zwischen den Geschlechtern, das Thema der Vereinbarkeit von Beruf und Familie unablässig wichtiger wird.

Trotz dessen konnten Beschlüsse oder gar Rechtsansprüche auf mobiles Arbeiten, wie zu Anfang des Jahres geplant, nicht umgesetzt werden. Dies liegt zu Teilen daran, dass andere Themen als aktueller und dringlicher wahrgenommen werden und zum anderen auch darau, dass teilweise die Ideen und Beschlüsse aus Deutschland durch solche der EU nichtig oder nicht mehr vollends umsetzbar gemacht werden. Politisch wird also auch im nächsten Jahrzehnt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein wichtiger Bestandteil bleiben.

Insbesondere aber in den Unternehmen bleibt die Aufgabe den Arbeitnehmern so entgegen zu kommen, dass Vereinbarkeit von Beruf und Familie für sie kein Problem darstellt. Den positiven Trend, Maßnahmen im Bereich der Vereinbarkeitspolitik durchzusetzen, gilt es weiter zu führen. Führungskräfte werden die Aufgabe erhalten, diese Vereinbarkeit vorzuleben, um zu kommunizieren, dass die Inanspruchnahme ebendieser ein gutes Recht der Arbeitnehmenden ist.

Und die Kinder?

Über all die Möglichkeiten, die für die Mitarbeitenden geschafft werden sollen, darf zuletzt nämlich niemals vergessen werden, dass das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht nur die abreitenden Eltern betrifft, sondern vor allem auch die Kinder. Denn wie eine Studie des ZDFs zum Ende dieses Jahres kürzlich dargestellt hat, nehmen die Kleinen den daraus resultierenden Stress viel sensibler wahr, als viele denken vielleicht würden.

Spannende Artikel 2019 zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Die erschöpfte Generation: Warum es junge Eltern heute so schwer haben,
Ein GEO-Interview mit Familienforscher Prof. Hans Bertram

Bei Vereinbarkeit von Beruf und Familie haben Firmen Nachholbedarf,
Eine ausführliche Darstellung des Vereinbarkeitsindexes von der WELT

Interessante Studien 2019 zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit 2019,
Eine Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugendliche

Familienfreundliche Unternehmenskultur, Der entscheidende Erfolgsfaktor für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ,
Eine Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugendliche

Die große Deutschland-Studie, Kinder in der Familie – zwischen Liebe und Stress,
Eine qualitative Studie von ZDFzeit dargestellt in Form einer kurzen Dokumentation

UNICEF-Studie zu Familienpolitik in OECD- und EU Staaten,
Deutschlands Familienfreundlichkeit im Vergleich

 

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