HR-Wissen

Mehr Gleichberechtigung für Jungen und Männer

10. November 2020

In der Debatte um Gleichstellung fällt der Blick zunächst berechtigt auf die Rolle der Frau. Zwar wurden im Kampf um Emanzipation des weiblichen Geschlechts in den letzten Jahrzehnten bereits einige Meilensteine erreicht, doch noch sind wir lange von einer Gleichberechtigung von Männern und Frauen entfernt. Eine Geschlechtergleichheit können wir nur mit einem gesellschaftlichen Einverständnis erreichen, wenn wir unsere Aufmerksamkeit ebenso auf die Anforderungen an Männer und ihre Herausforderungen richten. Gleichberechtigung ist ein kultureller Wert und kann nur existieren, wenn wir selbst frei von Rollenbildern leben und leben lassen können. Wir befinden uns im Prozess die Gesellschaft von althergebrachten Geschlechterstereotypen zu lösen und unser Miteinander neu zu definieren. Im Zuge dieses Umbruchs stellt sich ebenfalls die Frage, inwiefern sich das klassische Männerbild verändern muss:
Brauchen wir in unserer modernen Weltanschauung nicht mehr Gleichberechtigung für Jungen und Männer?

Vater und Kind gemeinsam ans Ziel

Dr. Franziska Giffey, die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fasst dazu passend zusammen: “Gleichstellungspolitik für Männer ist kein Gegensatz zur Gleichstellungspolitik für Frauen. Sie stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern sind zwei Seiten derselben Medaille. Sie müssen zusammen gedacht werden, damit partnerschaftliche Gleichstellung gelingt und nachhaltig gelebt werden kann.”

Nachfolgend werden die Herausforderungen für Jungen und Männer (und jeden, der sich als Mann identifiziert)  beleuchtet sowie Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt, wie Geschlechterklischees ausgeräumt werden können. 

Gelernte Klischees und Rollenbilder im Kindesalter 
In unserem Kern als soziale Wesen werden wir ständig von unserer Umwelt und unseren Mitmenschen beeinflusst. So finden wir unsere Stellung und Identität in der Gesellschaft. Diesbezüglich spielt vor allem die Kindeserziehung eine wichtige Rolle, um unter anderem diverse Geschlechterklischees nachhaltig aufzubrechen. Jeder soll frei von Vorurteilen und unabhängig vom Geschlecht seine Freizeit gestalten oder sich beruflich ausrichten können. Neben ihren Eltern finden Kinder in Kindertagesstätten oder Kindergärten prägende Bezugspersonen. Dabei fällt auf, dass dort noch immer der Großteil der Betreuer:innen weiblich ist. 

Fähigkeiten und Wünsche von Kindern unterstützen:
sowohl beim Fußball spielen, als auch beim Nähen von Kuscheltieren

Laut des Statistischen Bundesamtes steigt die Zahl der männlichen pädagogischen Fachkräfte in Kinderbetreuungsstätten zwar an, aber liegt anteilig dennoch bei nur 5,8 Prozent (Stand 2017). Wir brauchen eine verbesserte Geschlechterbalance bei Erziehenden, die als Vorbilder für Heranwachsende dienen. Dazu ist es nötig, Diversität von Männlichkeit und Weiblichkeit vorzuleben. So können beispielsweise männliche Erzieher genauso vermitteln, dass es wichtig ist, Unterstützung anzunehmen oder Gefühle zuzulassen. Diese Wesenszüge gelten oft immer noch als “unmännlich”, sind aber wichtig für die Sozialkompetenz. Im Alltag lernen Kinder genauso wie Erwachsene immer wieder Situationen oder Gegebenheiten kennen, die bewusst oder unbewusst einem Geschlecht zugeordnet werden. Sei es die Wahl zwischen einer rosafarbenen oder blauen Glückwunschkarte für das Baby oder die Beeinflussung durch eine Werbung zur Montage eines Waschbeckens, bei der sich ein Mann die Hände schmutzig macht. Viele klassische Märchen haben einen Prinzen in der Hauptrolle als starken Helden an der Seite der Prinzessin. Wäre die Geschichte nicht genauso spannend, wenn der Prinz aus einer Burg gerettet werden müsste? Es sollte für jeden normal sein nach Hilfe zu fragen oder sie anzunehmen, da wir oft auf Unterstützung und Zusammenhalt in einer Gemeinschaft angewiesen sind. Wir dürfen unser Denken nicht begrenzen durch Farben oder vorgelebte Strukturen, damit der Vielfalt und Entwicklung jedes Menschen Raum gegeben werden kann.

Mit Geschlechterklischees brechen

Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Männer 
Viele Eltern wünschen sich mehr Zeit mit ihrer Familie. Dabei nutzen eher Frauen die Möglichkeit, die ersten Lebensmonate oder Jahre mit ihrem Kind in Elternzeit zu verbringen. Für einige Familien mag das die gewünschte Aufteilung sein, andere Paare würden diese Lebensphase lieber gemeinsam oder ausgeglichener verbringen. Laut dem Statistischen Bundesamt nehmen zwar schon rund 40 Prozent der anspruchsberechtigten Väter die Elternzeit wahr, doch nur für die kürzestmögliche Dauer von zwei Monaten. Väter sollten die Möglichkeit bekommen, ein kompetenter Teil der Kindeserziehung zu sein, da sie eine wichtige Bezugsperson darstellen. Eine starke Vater-Kind-Beziehung unterstützt das ganze Familiensystem. Zwischenmenschliche Beziehungen lassen sich natürlich auch durch gemeinsame Erlebnisse in der Freizeit oder Rituale, wie eine Gute-Nacht-Geschichte, intensivieren.  Für ein erfülltes Familienleben sollten die Voraussetzungen gegeben sein, dass solche Momente wahrgenommen werden können.

Unternehmen sollten diesen Gedanken mittragen und Väter darin unterstützen, indem sie flexible Arbeitszeiten ermöglichen und Karriereoptionen mit Kind aufzeigen. Der Wandel der Arbeitswelt in Bezug auf die Digitalisierung unterstützt Familienmodelle vermehrt durch die Arbeit von Zuhause. So kann zusätzliches väterliches Betreuungsengagement immer mehr zur Selbstverständlichkeit werden.

Gemeinsame Familienzeit ist für die Entwicklung und Bindung ebenso wichtig wie die Zeit mit einem Elternteil allein.

Es gibt weiterhin “Männer- und Frauenberufe”
Die Verteilung von Männern und Frauen in unterschiedlichen Branchen ist weiterhin relativ unausgeglichen. Damit schränken wir unser Entwicklungspotenzial als Gesellschaft und unsere Vielfalt ein. Tatsächlich steigt die Erwerbsquote von Frauen zwar allgemein an: Im Jahr 2018 arbeiten 74 % der Frauen im Gegensatz zu 82 % der Männer. Dennoch üben laut der Bundesagentur für Arbeit die meisten erwerbstätigen Frauen eher Teilzeitbeschäftigungen aus und sind überproportional im Dienstleistungsbereich vertreten. Männer hingegen sind viel häufiger in den sogenannten MINT-Berufen vertreten.

Um den Wandel zu mehr Vielfalt positiv zu unterstützen wurden Initiativen wie der “Boys’ Day” ins Leben gerufen. In diesem Rahmen können Jungen ab der 5. Klasse Berufsfelder kennenlernen, die momentan stark von Frauen ausgeübt werden. Der “Boys’ Day” hat es sich zur Aufgabe gemacht angehende Männer bei der Berufswahl vor allem folgende Bereiche näherzubringen: soziale Arbeit, das Gesundheitswesen, haushaltsnahe Dienstleistungen und Erziehung. Die Jungen nehmen das Angebot sehr positiv wahr und ebnen somit den Weg für mehr Chancengleichheit. So können die teilnehmenden Kinder neue Impulse sammeln und erlernte Vorurteile abbauen. 

Dieser Leitgedanke wird durch die Initiative “Klischeefrei” für Kinder und Jugendliche weitergetragen. Sie wendet sich allerdings nicht direkt an die Heranwachsenden, sondern arbeitet mit denjenigen zusammen, die Einfluss auf die Bildung und die Berufswahl haben. Neben alltagsnahen Materialien die dahingehend für Erziehende zur Verfügung gestellt werden, baute sich bereits ein Netz aus Betrieben, Organisationen und Gremien auf, die sich alle das Ziel gesetzt haben die Offenheit in Berufswahl und Lebensplanung zu leben und zu fördern.

Unterstützung von Gleichstellung durch voiio 
voiio sieht sich ebenfalls in der Verantwortung Gleichberechtigung zu leben und in anderen Unternehmen erfahrbar zu machen. Mitarbeitende erhalten Unterstützung in allen Lebenslagen und Lebensphasen, z.B. für werdende Eltern über “Das erste Kind”.
Um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie möglich zu machen, stellt voiio frei von Geschlechtervorgaben diverse Betreuungsmöglichkeiten für Kinder zur Verfügung. Sie sollen Spaß machen und die Kreativität anregen. Wir fördern Kinder in ihrer Entwicklung unter anderem mit Kursen wie “Gedanken Helden – Fördere gezielt die Persönlichkeitsentwicklung Deines Kindes” an.

Gegenseitige Unterstützung in jeder Lebenslage

Handlungsempfehlungen und Ausblick 
Geschlechterstereotypen müssen weiter abgebaut, Vielfalt gefördert und Chancengleichheit hergestellt werden, unabhängig davon welches Geschlecht man hat. Jeder sollte die Möglichkeit haben, ein Leben und einen Beruf wählen zu können, indem er seine Talente, Interessen und Begabungen einbringen kann, unabhängig von gesellschaftlichen Vorgaben.

Das Thema Gleichstellung wird immer wieder zwischenmenschliche Spannungen hervorrufen mit Strukturen oder Rahmenbedingungen, die sie umgeben. Genauso wird es immer eine Differenz geben zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Bei jedem einzelnen liegt ein Teil der Verantwortung auf Gleichstellung zu achten, und zu Veränderungen anzuregen. Gegenseitiger Respekt sollte dabei ebenso selbstverständlich sein, wie Akzeptanz. Denn Veränderung kann nur nachhaltig bestehen, wenn sie aus eigenem Antrieb erfolgt und für notwendig angesehen wird.
Zur vorurteilsfreien Wahrnehmung und Realisierung müssen noch einige Steine ins Rollen gebracht werden. Lasst uns darauf achten, dass wir uns nicht zusätzliche Steine in den Weg legen, sondern ihnen eher einen Schubs geben, damit wir uns fern von Rollenzwängen frei entfalten können.

Das Thema interessiert Sie? Dann schauen Sie sich ergänzend dazu unseren Beitrag bei voiio über gendergerechte Sprache an.

Verwendete Quellen, Artikel und Studien zum Weiterlesen:

BMFSJ (2020) Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer in Deutschland – Ein Dossier zur partnerschaftlichen Gleichstellungspolitik 

Henry-Huthmacher, Christine (2014). Familienleitbilder in Deutschland, S.20, Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. 

Statistisches Bundesamt (2019). Pressemitteilung Nr. 22 vom 28. Mai 2019 

Bundesagentur für Arbeit (2019). Die Arbeitsmarktsituation von Frauen und Männern 2018. 

BMFSFJ (2017). Männer-Perspektiven – Auf dem Weg zu mehr Gleichstellung? 

Statista (2018). Männliche Kita-Mitarbeiter noch immer Seltenheit

 

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