HR-Wissen

Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Zeiten von Corona

26. Mai 2020

Die letzten Monate waren geprägt durch Neuerungen, Umstellungen und Veränderungen des gesellschaftlichen Lebens in Folge des Coronavirus. Auch die Arbeitswelt musste sich in der vergangenen Zeit stark anpassen und Ereignisse überschlugen sich, die auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie betreffen. Mit diesem Rückblick wollen wir der Frage nachgehen, wie Familienfreundlichkeit in Unternehmen während der Pandemie aussieht, welche Probleme entstanden sind und die Chancen dieser Situation für eine bessere Vereinbarkeit darstellen.

Home-Office nur für einen Teil der Unternehmen eine Lösung

Seit dem Beginn der Coronakrise sind in Deutschland laut Statistischem Bundesamt 45 % aller Arbeitnehmenden im Home-Office. Damit haben weniger als die Hälfte aller Beschäftigten die Möglichkeit Ihrer Arbeit zu Hause nachzugehen. Viele Betriebe basieren auf Präsenzarbeit und Arbeitende in der Handwerksbranche, dem Gesundheitswesen oder im öffentlichen Dienst müssen weiterhin vor Ort erscheinen oder mit starken Verdienstverlusten durch geringfügige Kurzarbeit rechnen. Die systemrelevanten Berufsgruppen riskieren dabei jeden Tag ihre Gesundheit und die Gesundheit ihrer Familien.

Die Lösung „Home-Office“ funktioniert aber auch für viele Unternehmen und ihre Angestellten. Rund 60 % der Arbeitnehmenden würden aufgrund der gesundheitsgefährdenden Situation gern von zu Hause aus arbeiten, so das Statistische Bundesamt. Viele von ihnen bekommen diese Möglichkeit. Lassen es technische Voraussetzungen und digitale Lösungen zu, ist eine Arbeit im Home-Office momentan eine innovative Möglichkeit für Unternehmen, die Krise wirtschaftlich zu bewältigen.

Einige, inklusive Hubertus Heil, Bundesarbeitsminister, bewerten das derzeit verbreitet Home-Office sogar so positiv, dass sie über die Einführung eines allgemeinen Anspruchs auf Home-Office und die Verankerung im Grundgesetz debattieren. Zwar sind die meisten Arbeitnehmenden mit dem Handeln ihres Unternehmens und der Arbeit im Home-Office zufrieden dennoch erntet dieser Vorschlag starke Kritik von verschiedenen Seiten. Die aktuelle Situation sei kein Maßstab um die Funktionsfähigkeit des Home-Office für alle Betriebe zu rechtfertigen.

Hohe Belastung für Familien im Home-Office mit Kind

„Die Erfahrung vieler Eltern nach zwei Monaten Heimarbeit verdeutlicht jedoch die Grenzen der Vereinbarkeit von Kinderbetreuung und der produktiven Arbeit zu Hause“, sagte die Leiterin der Forschungsgruppe Gender Economics am DIW Berlin in einem Beitrag des Portals „bildungsklick“. Sie spricht damit ein Problem an, mit dem sich viele Eltern momentan gezwungenermaßen auseinandersetzen müssen. Für Eltern ist die Arbeitszufriedenheit stärker zurückgegangen als für Kinderlose, das zeigt eine Studie des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung in Berlin. Immer schwieriger wird es, die Kinderbetreuung und eine produktive Arbeit zu Hause unter einen Hut zu bekommen. Unterbrechungen bei Video Konferenzen, gelangweilte Kinder und Schwierigkeiten sich auf die Arbeit zu fokussieren sind für viele Angestellte nunmehr Alltag.

Die Ergebnisse einer Studie des WZB zeigen, dass die Arbeitszufriedenheit in der Coronkrise gesunken ist. Besonders betroffen sind Eltern, allen voran Mütter, von dieser Entwicklung.

Zur allgemeinen Kinderbetreuung kommt das Home Schooling hinzu. Eltern sind nicht mehr nur Bezugsperson, sondern müssen auch die Rolle des Lehrenden einnehmen. Die Mehrheit der deutschen Familien (63 Prozent) betreibt täglich rund drei Stunden „Homeschooling“, zeigt eine Studie von Forschenden der Universität Koblenz-Landau. Die Eltern wünschen zum Teil eine deutlich stärkere Rückmeldung durch die Lehrer*innen und begründen dies unter anderem mit der Angst, dass das andauernde Home-Schooling die Beziehung zu ihren Kindern gefährden könnte. „Eltern haben das Recht auf Planbarkeit, wenn es um Schule geht. Und da fehlt eben die nötige Struktur, die den Eltern Sicherheit gibt. Fehlende Struktur birgt die Gefahr, dass die Bildungsschere größer wird, denn Kinder, die sich gut selbst strukturieren können, sind hier klar im Vorteil“, sag die Erziehungswissenschaftlerin Anja Wildemann dem SWR. Vor allem Mütter üben derzeit zwei Jobs gleichzeitig aus und da bleibt immer etwas auf der Strecke. Das beeinflusst die Zufriedenheit der Kinder und der Eltern, bestätigt Soziologin Mareike Bünning dem ZDF.

Besonders die Tatsache, dass einige Eltern durch die Betreuung der Kinder zu Hause eine Belastung für das Verhältnis zueinander sehen ist bedenkenswert. „Sechs oder acht Wochen kann man das vielleicht aushalten, aber diese Krise wird ja länger dauern. Und dass man dann besonders in beengten Wohnverhältnissen an seine Grenzen kommt, ist nachvollziehbar“, meint Iris Roth, Therapeutin im Gespräch mit der FAZ. Ebenso sei der eingeschränkte körperliche Kontakt eine Herausforderung für Familien. „Deshalb müssen erwerbstätige Eltern schnell entlastet werden, etwa mit einer Corona-Elternzeit und einem Corona-Elterngeld, was eine Reduktion des Arbeitsumfangs ausgleicht.“

Viele Plattformen bemühen sich wertvolle Tipps für eine Arbeit im Home-Office bereitzustellen, vergessen aber oft, dass auch die Interessen der Kinder für eine erfolgreiche Umsetzung berücksichtigt werden sollten. voiio adressiert in Zusammenarbeit mit „berufundfamilie“ dieses Thema in einem Webinar für Angestellte aus dem Personalmanagement. Hier wird erarbeitet mit welchen Tipps und Tricks Unternehmen ihre Mitarbeitenden bei der Arbeit im Home-Office mit Kind unterstützen können und welche Implikationen sich aus der momentanen Situation für die zukünftige Arbeitswelt schließen lassen. Für eine entwicklungsfördernde und fröhliche Zeit für Kinder und eine produktive Arbeitszeit der Eltern im Home-Office gibt es bei voiio außerdem ein vielseitiges Programm an virtuellen Events, bei denen Kinder lernen, spielen und mit Gleichaltrigen interagieren. Eltern bekommen so einige freie Minuten, die für sich selbst nutzen können.

Notfallbetreuungsangebote nicht umfangreich genug

Zwar hat die Regierung akut versucht arbeitende Eltern bei der Betreuungsorganisation ihrer Kinder zu entlasten und eine Notfallbetreuung eingerichtet, allerdings wurde schnell deutlich, dass eine ausschließliche Betreuung von Kinder deren Elternteile beide einem systemrelevanten Beruf nachgehen nicht ausreicht. Viel zu doll leiden Alleinerziehende oder Elternpaare, bei denen ein Partner immer noch zur Arbeit muss unter der aktuellen Belastung zu Hause. Viele fordern deshalb einen weitgreifenden Ausbau der Notfallbetreuung. Mittlerweile wurden die Anforderungen gelockert und auch Familien mit einem Elternteil im systemrelevanten Beruf können die Notfallbetreuungsangebote nutzen. Nichtsdestotrotz fühlen sich viele Alleinerziehende immer noch im Stich gelassen, was die Frage aufwirft, inwiefern dieses Konzept als solches ausreichend ist.

Auch die Unternehmen selbst können ihre Mitarbeitenden mit Kind unterstützen. Zum Beispiel, indem sie eine „Corona-Elternzeit“ bewilligen. Eine weitere Möglichkeit ist die Implementierung von familienfreundlichen Maßnahmen, die bei der Betreuungsorganisation in dieser besonderen Situation aber auch darüber hinaus helfen. voiio bietet mit einer Notfallbetreuung und einer NotfallbetreuungFlex einen Service der die Bedürfnisse von Eltern und Kindern bei der Betreuung adressiert und das Engagement von Unternehmen beweist.

Vorsicht vor Rückschritten bei Gleichberechtigung und Diversität

Ein Großteil der Beschäftigten in Pflegeberufen und anderen Branchen, die als systemrelevant gelten, sind weiblich. Umso wichtiger ist es Frauen und Mütter in dieser besonderen Situation zu unterstützen. Damit Pflegekräfte ihren Beruf nachgehen können und ihre Kinder versorgt wissen, sind Lösungen wie eine Notfallbetreuung erforderlich. Aber auch bei Familien, die aktuell von zu Hause arbeiten können, scheinen sich alte Rollenbilder zu etablieren. Kinderbetreuung und Haushalt liegen immer noch mehr im Aufgabenbereich der Frauen. Das gilt vor allem dann, wenn sie zu Hause arbeiten und macht eine Vereinbarkeit besonders schwer. In Familien, in denen die Mutter in Teilzeit und der Vater in Vollzeit beschäftigt war, übernahm die Mutter im Durchschnitt an Wochentagen Kinderbetreuung im Umfang von 5,2 Stunden, der Vater nur im Umfang von 1,9 Stunden. Eine Studie der Hans-Böckler Stiftung bestätigte jetzt, dass rund 27 % der Mütter und nur 16 % der Väter ihren Stundenumfang aufgrund der Pandemie reduzieren. Noch bemerkenswerter ist, dass selbst bei Paaren die, die Kinderbetreuung vor der Pandemie fair aufteilten, nun nur noch 60 % angeben, sich bei der Betreuung regelmäßig abzuwechseln. Besonders stark ist eine Veränderung in den mittleren und unteren Einkommensklassen zu beobachten. Eltern entscheiden hier nach Einkommen, wer den Stundenumfang reduziert und sich um die Betreuung des Kindes kümmert. In vielen Fällen sind es die Frauen, die dadurch in diesen Gesellschaftsgruppen die Kinderbetreuung stemmen müssen. Mit der langsamen Rückkehr zur neuen „Normalität“ besteht Gefahr, dass die Betreuungsorganisation wieder mehr als Aufgabe der Frauen gesehen wird. Wenn Kitas und Schulen nur tageweise für Kinder geöffnet haben, müssen die Familien immer noch eine beachtliche Menge an Betreuungsaufgaben leisten. Die Studie der Hans-Böckler Stiftung lässt annehmen, dass auch dann vor allem Frauen ihre Arbeit beschränken und sich um das Kind kümmern.

Die Studie belegt, dass eine faire Aufteilung der Kinderbetreuung unter der Pandemie leidet.

In Deutschland gibt es 900.000 Haushalte mit alleinerziehenden Personen, davon 90 % Frauen. Sie sind diejenigen, die durch die Schließung von Schulen und Kindergärten besonders stark betroffen sind. Eine Studie des Wirtschaft- und Sozialwissenschaftlichen Institutes belegt, dass rund 52 % der Alleinerziehenden die aktuelle Situation als stark belastend wahrnehmen. Nicht einmal die Betreuung durch Angehörige, wie die Großeltern, kann alleinerziehende Mütter und Väter in diesen Zeiten entlasten. Sie leiden daher mehr an den aktuellen Umständen als Elternpaare und Kinderlose.

Ungefähr die Hälfte der Alleinerziehenden empfinden die aktuelle Situation als besonders stark belastend, bei Eltern und Kinderlosen sind es etwas weniger.

Mareike Bünning, Soziologin sagt im Interview mit dem ZDF: „Alle Versprechen, die vor der Krise gegeben wurden, sind wie ein Kartenhaus zusammengefallen. Es hieß ‚Frauen, ihr könnt Kinder und Karriere haben, der Staat kümmert sich um die Betreuung‘. Das ist von einem Tag auf den anderen weggefallen. Da wurden die Eltern bei der Lösung ziemlich allein gelassen und die Frauen mussten zurückstecken.“ Es ist daher enorm wichtig Frauen mit Kurzarbeitergeld zu unterstützen, ihnen ein Sicherheitsgefühl in Bezug auf den Arbeitsplatz zu vermitteln und Programme zur Frauenförderung und Familienfreundlichkeit, sowie zur Notfallbetreuung weiterzuführen und situationsbedingt anzupassen.

Chancen für die zukünftige Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Die Forderung von Hubertus Heil nach einem Recht auf Home-Office und der Zuspruch vieler Angestellter zeigen, welche Chancen die derzeitigen Entwicklungen in der Arbeitswelt mit sich bringen. Eine voranschreitende Digitalisierung der Unternehmen kann eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch flexible Arbeitsmodelle unterstützen. Wichtig ist, Arbeitsmodelle wie das Home-Office auch außerhalb von Krisenzeiten zu testen und es Angestellten zu ermöglichen, unter normalen Umständen über eine Arbeit von zu Hause zu entscheiden. Für eine familienfreundliche Unternehmenskultur müssen Betriebe und Angestellte auch in Zeiten von Corona eine gemeinsame Lösung finden, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen. Diese Ideen können eine tolle Grundlage für mehr familienfreundliche Maßnahmen auch nach der Krise bilden und Unternehmen und Ihren Angestellten helfen, gestärkt in den „Normalbetrieb“ zurückzukehren.

Artikel und Studien zum Weiterlesen:

Deutsches Institut für Wirtschaft: Wochenbericht 19/2020

ZDF heute, Arbeiten in Coronazeiten: Die Mehrfachbelastung der Mütter

SWR: Homeschooling belastet die Familien

Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung: Erwerbsarbeit in Zeiten von Corona

Hans-Böckler-Stiftung: Die Coronakrise trifft Frauen doppelt

 

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